Christine Winkler

Die Ästhetik des Spiels

Eines der bekanntesten Werke der Kunstgeschichte, die “Kinderspiele” von Pieter Bruegeld. Ä. (1560), benutzt das Spiel der Kinder, um über Tugenden und Gesellschaft zu sprechen, indem Kinderspiele als Nachahmung von Ritualen Erwachsener dargestellt werden. Das eigentliche Wesen des Spiels (der Kinder) wird von Bruegel nicht untersucht. Ebenso hat sich die Kinderfotografie niemals als eigenes Genre in der Kunst herausgebildet, obwohl sich an ihr Künstler wie Lewis Caroll und Jürgen Teller versucht haben.

Die Gegenwelten, die Christine Winkler in ihren fotografischen Arbeiten entwirft, sind der spielerischen und spielenden Welt(en) ihrer eigenen Kinder entnommen. Indem sie deren Alltag verfolgt und dokumentiert, gelingt es ihr gleichzeitig diesen zu verlassen und Gegenentwürfe zu unserer Realität entstehen zu lassen. Die absolute Privatheit der Orte, in die wir in aller Intimität mit eindringen dürfen, erzählt Geschichten und lässt Welten entstehen, die das Persönliche zu Unser-aller werden lässt und uns im Beuys´schen Sinn an die Vielzahl der Möglichkeiten, die wir (immer noch) haben, erinnert.

In Natura Vivente dokumentiert die Kamera inszenierte Kinderwelten, was ein Oszillieren um zwei gegensätzliche Verfahren der Fotografie ins Spannungsfeld rückt. ProtagonistInnen, die unterschiedlichen Welten angehören, sitzen hier an einem Tisch vereint und feiern stumm Geburtstag. Selbstgefertigtes und Vorgefertigtes werden zusammen arrangiert, Naturmaterialien wie Sand und Stein in bunte Tupperware gefüllt, bemessen und ausgestellt. Fehlende ProtagonistInnen werden wie im Vogelnest durch nachgebildete aus Ton oder Plastilin ersetzt. Eine Badeente mit pinkem Geschenkband und überdimensionalen Schleifen ist an einen Kaktus gefesselt, eine Improvisation des Indianerthemas, das in Ermangelung der richtigen Darsteller und Kulissen mit dem gerade Verfügbaren re-inszeniert wird. Die Kamera fängt hier ein, was einerseits wie die freie Übersetzung eines Themas in unsere Gegenwart, eine Aktualisierung scheint, aber auch an das Nachleben oder Überleben gewisser Motive, mit denen sich Aby Warburg beschäftigte, denken lässt. Die Stillleben erreichen somit trotz ihrer absoluten Gegenwart und offensichtlichen zeitlichen Begrenztheit eine zeitlose und symbolische Dimension und Gültigkeit.

In der Arbeit Große Gefühle arbeitet Christine Winkler nur einen (gänzlich konträren) Aspekt des Spiels heraus: die Emotionen. Das eigentliche Spiel wird hier im Gegensatz zu anderen Arbeiten als nebensächlich betrachtet und ausgeklammert. Wir wissen nicht um welches Spiel es sich handelt, wir kennen keinen Gewinner, keinen Verlierer, wissen nicht, ob es überhaupt einen gibt. Trotz der Abwesenheit dieser Informationen sind wir sicher, dass die versammelten Personen spielen. Das momentane Hervorbrechen der Gefühle in einer Bandbreite von Glück, Verzweiflung, Sieg, Niederlage, Überraschung, Entdeckung bis Wut erscheint so plötzlich und spontan auf den Gesichtern, dass den Portraitierten keine Zeit bleibt, sich für die Kamera zu inszenieren. Die Unvorhersehbarkeit dieser Aufwallungen lassen der Kamera einzig die Möglichkeit zum Verfolger dessen zu werden, wie sich reales Geschehen auf den Gesichtern abbildet und spiegelt. Wieder dringt dieser Verfolger und Dokumentator in eine Intimsphäre vor, hat an etwas teil, das jenseits von Portrait- oder Kinderfotografie anzusiedeln ist. Die Portraits der Spielenden, die hier entstanden sind, werden sozusagen zu Anti-Portraits, indem sie das eigentliche Wesen der Personen verschleiern, vollkommen überlagert durch den Moment.

Ergänzend zu diesen Serien zeigt die Künstlerin Einzelarbeiten wie den selbstvergessenen Moment der Betrachtung einer Feder, in dem die Zeit zum völligen Stillstand kommt, ein Moment, der ein abwesendes, versunkenes Denken – wie es nur Erwachsene vermögen – mit dem Erstaunen des Kindes über etwas vollkommen Alltägliches gleichermaßen beinhaltet. Eine andere Fotografie zeigt eine Gruppe von Kindern, die verkleidet aufbrechen, um auf Steckenpferden auszureiten.

Wo sind diese Arbeiten, die sich dem Thema des Spielens auf unterschiedliche Weise annähern, nun zu verorten?

Wenn Baudrillard einer Ethik der Arbeit die Ästhetik des Spiels gegenüberstellt, indem er die zwei Entwicklungsrichtungen der marxistischen Philosophie als die einer Ethik der Arbeit und einer Ästhetik der Nicht-Arbeit erklärt1, wird das Spiel zum Symbol der nichtentfremdeten Arbeit. Die Sphäre des Spiels als Krönung der menschlichen Vernunft, die Zweckmäßigkeit ohne Zweck. Wenn hier das Spiel als Gegenpol zur Arbeit interpretiert wird, darüber hinaus als von ihr abhängig und in direkten Bezug zu ihr gesetzt, sogar als ihre Verlängerung betrachtet wird, in welche Dimension eröffnet sich dann die vorgelegte Arbeit? Alle Begriffe des Spiels, Freiheit, Transparenz, Nicht-Entfremdung, bei Baudrillard auch als revolutionäre Fantasie bezeichnet, werden in Christine Winklers Arbeiten zu einer Vereinigung von scheinbaren Gegensätzen. Der Arbeit steht nicht die Nicht- Arbeit oder die Freizeit im postfordistischen, bürgerlichen Sinne als Idee, als angebotene Alternative gegenüber, die Entwürfe dieser Gegenwelten heben Gegensätze auf, ignorieren bürgerliche Wertvorstellungen und schaffen utopische Orte und damit Konzepte, die sich jenseits des uns Bekannten befinden. Das Spiel der Kinder wird nicht als Beschäftigung oder Nachahmung der Erwachsenenwelt, als eine Übung verstanden, wie in den Kinderspielen von Bruegel oder auch in der Mädchenfotografie von Lewis Caroll, vielmehr reagiert die Künstlerin auf die immanenten utopisch-revolutionären Potenziale und versteht sie unter Verlassen der gewohnten Perspektiven als reale Möglichkeiten zu verorten. work»

 

1Harrison, Charles K., Kunsttheorie Im 20. Jahrhundert: Künstlerschriften, Kunstkritik, Kunstphilosophie, Manifeste, Statements, Interviews. Ostfildern-Ruit: Hatje, 2003, S. 1175

 

 

The aesthetics of the game translated by Marion Daneshmayeh
One of the most famous works of art history, “Children‘s Games” by Pieter Bruegel the Elder (1560) uses children’s games to talk about virtues and society by showing the games as an imitation of adult rituals. The very essence of the (children’s) game is not examined by Bruegel. Likewise, child photography has never emerged as a distinct genre in art, despite attempts with artists such as Lewis Carroll and Juergen Teller.

The opposing worlds that Christine Winkler designs in her photographic work are taken from the playful and gambling world(s) of her own children. In monitoring and documenting their daily lives, she is able to leave them and to simultaneously develop alternative concepts of our reality. The absolute privacy of the intimate places in which we may enter tells stories and creates worlds which turns the personal into “Our own“ and, in a Beuys-ish sense, reminds us of the many opportunities we still have.

In Natura Vivente the camera follows staged children’s worlds and vacillates between two extreme ends of photographic method. Protagonists from different worlds sit at a table and celebrate a birthday in silence. Fabricated and pre-fabricated materials are arranged together; natural materials such as sand and stone are filled, measured and exposed in colorful Tupperware. Missing protagonists are replaced by copies made of clay or plasticine as in the bird’s nest. A rubber duck with a pink ribbon and huge bows is tied to a cactus – an improvisation of an American Indian scene which is restaged with – for lack of the right protagonists and scenery – whatever is available at the moment. On the one hand the camera catches what seems to be a free translation of the present subject which, on the other hand, also reminds us of the contination or survival of certain motifs which were dealt with by Aby Warburg. The still lifes, despite their contemporary feel and limitations, achieve timeless and symbolic dimension and validity.

In her work Große Gefühle (Great feelings) Christine Winkler simply elaborates on one (completely contrary) aspect of the game: emotions. Compared to other works, the game itself is secondary and, in this case, excluded. We do not know which game is played; we know neither the winner nor the loser or if there is even any. Despite the lack of information we are sure that the protagonists are playing. The momentary release of emotions showing the gamut from happiness, desperation, victory, defeat, surprise, discovery to anger appears suddenly and spontaneously on the protagonists’ faces so that there is no time to set up a portrait. Due to the unpredictability of emotions, the camera can only witness how reality is reflected and represented on the faces. Again, the observer (and documenter) enters into the private sphere, and participates in something that transcends the field of portraiture or child photography.

The portraits of the players that evolved become anti-portraits as they mask the real person by focusing on the moment. Completing this series the artist shows single works like the absent-minded moment of observing a feather in which time stands still, a moment containing the absent and immersed thinking that only adults are capable of, and the simultaneous astonishment of a child regarding something completely common.

Another photograph shows a group of children that are dressed up and ready to leave to ride their hobby horses.

Where can these works addressing the theme of games in such a variety of ways be categorized?

If Baudrillard compares the ethics of work with the aesthetics of the game by opposing the Marxist philosophies ethic of work to aesthetics of non-work1, the game becomes a symbol of work that has not been alienated.

The sphere of play is the crown of human rationality, purposefulness without purpose. If the game is interpreted as the opposite of work but is additionally independent from it and directly linked to it, even shown to be its enhancement, which dimension does the exhibited work then open?

All the concepts of play, freedom, transparency, non-estrangement – also mentioned as revolutionary fanatasy by Baudrillard – are united as apparent opposites by Christine Winkler.

Work is not opposed to non-work or leisure time in a postfordian, civic sense or as a proposed alternative, but the drafts of these opposing worlds undo contradictions, ignore civic ideals, and create utopian places and concepts that are far beyond what we know.

The children’s game is not seen as an activity or imitation of the adults‘ world or as an exercise as in Bruegel’s Children‘s Games, or even in Lewis Caroll’s photographs of girls but the artist reacts with intrinsic utopian-revolutionary potentials, and follows them by leaving the conventional perspective and turning them into real possibilities. work»